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Kunst und das spirituelle Leben

Sonntag 20. September 2009

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Kunst und das spirituelle Leben

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Jharna Kala Painting
Sri Chinmoy

Frage:
Wenn kreative Menschen oder ernsthafte Künstler ein spirituelles Leben beginnen, verlieren sie manchmal ihre kreative Inspiration, weil die Spiritualität etwas so Weites ist, dass es ihnen nicht länger sinnvoll erscheint, ihren eigenen Kunststil weiterhin zu pflegen. Oder sie müssen in ihrer Spiritualität Kompromisse eingehen, um als Künstler zu überleben. Ich beobachte oft, dass sie ihre eigene Kunst nicht ernsthaft weiterentwickeln. Gibt es einen Weg, wie man Kreativität dazu nutzen kann, den größtmöglichen Fortschritt in der Spiritualität zu machen, anstatt die beiden als zwei verschiedene Dinge zu betrachten? Wie können wir diese beiden zu einem verbinden?

Sri Chinmoy:
Wir alle streben Erfüllung an. Wenn wir ein schönes Gedicht schreiben oder ein schönes Musikstück komponieren, erfüllt uns das. Doch die Erfüllung, die uns unsere Kreativität gibt, ist nicht zu vergleichen mit der Erfüllung, die uns das Gebet und die Meditation schenken. Wenn wir eine schöne Melodie erfunden haben, eine Melodie, die im Ohr bleibt, dann bereitet uns das nur in einigen wenigen Teilen unseres Wesens Freude. Unser Wesen als Ganzes erhält kein Freude. Wenn wir jedoch fünf Minuten lang sehr seelenvoll gebetet oder meditiert haben, haben wir das Gefühl, dass unser gesamtes Wesen von Kopf bis Fuß aus Zufriedenheits-Seligkeit besteht. Spiritualität ist die Quelle aller Dinge. Leben ist überall. Ich bin voller Leben. In meinen Armen ist Leben, in meinen Beinen ist Leben, in meinem Kopf ist Leben. Meine Lebensenergie fließt überall. Wenn ich aber die Quelle entdecken will, so muss ich sagen, sie ist im Herzen. Im Herzen finden wir den Lebensatem und im Lebensatem ist Gottes Wille. Der Lebensatem ist im Herzen und gleichzeitig ist das Herz im Lebensatem. Gottes Wille ist im Lebensatem und gleichzeitig ist der Lebensatem in Gottes Wille.

Spiritualität bedeutet eins zu sein mit Gott und Gottes Wille. Alles was wir tun kann Teil der Spiritualität sein, da alle Dinge an Gott Anteil haben und uns das Einssein mit Gott anbieten. Doch manche Dinge bieten uns einen besseren Weg, um uns unseres Einsseins mit Gott bewusst zu werden. Gott ist überall, aber die meisten Menschen können Gott nicht überall sehen und fühlen. Also sagt Gott zu uns: „In Ordnung, wenn du Mich nicht überall sehen oder fühlen kannst, dann sieh Mich und fühle Mich in deinen Gebeten und Meditationen.“

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Jharna Kala Painting
Sri Chinmoy

Wasser gibt es überall, aber wenn wir schwimmen gehen wollen, ist es am besten, eine Leiter zu benutzen, die ins Wasser führt. Wir wissen, dass es dort sicher ist. Wenn wir an anderen Stellen zum Schwimmen ins Wasser gehen, könnten dort Gefahren lauern, vielleicht eine Unterströmung oder irgendein anderes Problem. Wir können also sagen, dass die beste Methode, in Gottes Bewusstsein zu gelangen, die Spiritualität ist – unser Gebets-Leben und Meditations-Leben. Wir sind alle Gottes Kinder, wir gehören alle zur selben Familie. Aber warum erschuf Gott Sri Krishna, Buddha und Jesus Christus? Auch sie hatten menschliche Körper wie wir. Aber durch Sri Krishna, Buddha, Sri Ramakrishna, Sri Aurobindo, Sri Chaitanya und Jesus Christus war Gott in der Lage, sich vollständiger zu manifestieren als durch andere menschliche Wesen. Auch diese großen Avatare wurden als Menschen geboren. Sie hatten Eltern, Brüder und Schwestern. Doch Gott fand sie empfänglicher, oder sagen wir, Gott machte sie empfänglicher, so dass Er sich umfänglicher in ihnen und durch sie manifestieren konnte.

Ebenso ist es hier: Spiritualität ist ein Gebiet für sich, Dichtung ist ein Gebiet für sich, Musik ist ein Gebiet für sich und Wissenschaft ist ein Gebiet für sich. Aber Gott findet es einfacher, sich durch die Spiritualität zu manifestieren, weil die Spiritualität empfänglicher für Seinen Willen ist. In einer Familie kann nicht jeder gleich empfänglich sein. Wenn ein Kind fünf Jahre alt ist und ein anderes zwanzig, so können wir von dem Fünfjährigen nicht erwarten, dass er die gleiche Last trägt wie der Zwanzigjährige. Weil das ältere Kind kräftiger ist, erwarten wir mehr von ihm.

Wir müssen die Spiritualität als das älteste Familienmitglied sehen. Gott verlässt sich auf seinen ältesten Sohn immer in besonderer Weise. Gott bringt dem ältesten Sohn alles bei. Mein Vater brachte seinem ältesten Sohn alles bei. Als sich dann der Älteste ganz dem Yoga widmete, brachte er dem Zweitältesten alles bei. Von ihm lernten dann wir. Von der Spiritualität, von Gebet und Meditation müssen wir alles lernen. Davon müssen wir lernen, wie wir bessere Gedichte schreiben können, wie wir bessere Musik komponieren können, wie wir ein besserer Ingenieur oder Wissenschaftler oder sonst irgendetwas sein können. Wir machen einen Fehler, wenn wir diese anderen Aktivitäten von der Spiritualität trennen.

Eine Familie ist keine vollkommene Familie, wenn ein Familienmitglied sehr stark wird und die anderen nicht. Der Stärkste kann nicht glücklich sein, wenn seine Brüder und Schwestern ihm nicht folgen können. Nur wenn die ganze Familie beisammen ist, haben alle Familienmitglieder Freude. Wenn ein Familienmitglied ein Musiker ist und Musik macht, dann ist nicht nur er glücklich, sondern auch alle anderen Familienmitglieder. Er verbreitet seine Freude unter den anderen Familienmitgliedern. Und wenn die Schwester dazu singt, entsteht noch mehr Freude, größere Freude in der Familie.

Nichts kann auf Erden existieren, ohne dass es erschaffen wurde. Gott erschuf die Spiritualität. Dann sagte Er: „Lasst nun daraus andere Dinge entstehen.“ Es ist wie bei Christus. Der Vater erschuf Christus und das Licht des Christus durchdrang die ganze Welt. In genau der gleichen Weise müssen wir die Spiritualität als unser eigen, ganz unser eigen in Anspruch nehmen. Die Spiritualität führt unsere Kreativität niemals in die Irre oder leitet sie fehl. Sie gibt der Dichtung, der Musik, der Kunst in jeglicher Form lediglich die Fähigkeit, hinauf und immer höher hinauf zu steigen. Wir können die Spiritualität als den Stamm oder die Wurzel und die Kreativität als einen Ast betrachten. Ohne Stamm kann es keinen Ast geben. Wenn wiederum kein Ast da ist, wie könnten wir es dann einen Baum nennen? Das wichtigste ist der Stamm. Zuerst wächst der Stamm und aus dem Stamm wachsen dann die Äste. Die Äste sollten fühlen, dass ihre Existenz vom Stamm abhängig ist. Die Äste sind so wunderschön; sie tragen so viele Früchte, so viele Blüten, so viele Blätter. Doch sie müssen dem Stamm gegenüber dankbar sein, denn der Stamm ist ihr Ursprung. Der Stamm wiederum muss den Ästen gegenüber dankbar sein, weil sie seine Schönheit vergrößern. Die Äste, Blüten, Früchte und Blätter vergrößern die Schönheit des eigentlichen Lebens-Baumes. Der Stamm und seine Äste müssen also Hand in Hand gehen. Es ist wie in einer Familie. In einer Familie sehen wir Vater, Mutter, Brüder und Schwestern. Doch uns muss klar sein, dass Vater und Mutter der Ursprung sind. Wenn es sie nicht gäbe, gäbe es auch keine Kinder. Der Vater und die Mutter wiederum fühlen, dass sie nur dank ihrer Kinder vollkommen und vollständig sind. Auf diese Weise treibt eine Familie aus wie Äste.

Als ich mit elfeinhalb oder zwölf Jahren in das Sri Aurobindo Ashram eintrat, betete und meditierte ich und begann auch Gedichte zu schreiben. Als ich dreizehn war, hatte ich bereits hunderte von Gedichten geschrieben. Ich mass sowohl meiner Spiritualität als auch meiner Kreativität hohen Wert bei. Gleichzeitig fühlte ich aber, dass meine Dichtung und meine Musik ein Ergebnis meiner Spiritualität waren. Wir müssen immer zur Quelle gehen, welche Gott ist. Wir sollten die Kreativität wichtig nehmen, aber wir müssen die Quelle, welche die Spiritualität ist, noch wichtiger, ja am allerwichtigsten nehmen. Es muss uns wiederum klar sein, dass die Spiritualität selbst auch Kreativität darstellt. Leider haben manche Musiker und Dichter das Gefühl, Spiritualität und Kreativität seien zwei ganz verschiedene Dinge. In der Tat fühlen nur sehr wenige Künstler, dass die Quelle von allem in der Welt die Spiritualität ist. Die meisten Leute trennen ihre kreativen Fähigkeiten von ihrer eigenen inneren Wurzel, ihrer Ur-Tugend, nämlich ihrer Liebe zu Gott. Uns muss jedoch klar sein, dass es nur eine einzige Tugend gibt und wir nennen sie Glaube. Unser Glaube an Gott ist der Stamm, die Wurzel, und wenn er Äste austreibt, werden wir ein Musiker, ein Sänger, ein Tänzer, ein Ingenieur, ein Wissenschaftler oder irgendetwas anderes. Es gibt keinen Konflikt zwischen Spiritualität und Kreativität. Das eine sollte dem anderen nicht im Wege stehen.

Einige Musiker haben den spirituellen Pfad verlassen, weil sie das Gefühl hatten, die Spiritualität nehme ihnen ihre Freiheit, doch diese Vorstellung ist vollkommen falsch. Spiritualität ist unendlich weiter als die Weite selbst. Nicht die Spiritualität bindet sie, sondern ihr Wunsch nach sofortigem Ruhm. Sie begreifen nicht, dass es eines ist, Ruhm zu ernten und etwas anderes, für die Menschheit zu arbeiten. Manche Sänger, Musiker, Künstler und andere Leute wollen bedeutend sein und meinen, die Spiritualität helfe ihnen, noch bedeutender zu werden. Die Spiritualität hilft ihnen in der Tat, bedeutend zu werden, doch wenn die Spiritualität sieht, dass diesen Menschen ihre Bedeutung den Verstand raubt, dann sagt sie: „Mein Gott, wenn sie wirklich auf ihre eigene Weise bedeutend werden, dann werden sie den Kontakt mit ihrer eigenen Göttlichkeit verlieren.“ Wenn die Spiritualität in diesen Menschen Aufrichtigkeit erkennt, dann will sie ihre Begierden nicht erfüllen. Aus einem guten Menschen kann leicht ein bedeutender Mensch werden, wenn dies Gottes Wille ist. Aber es ist sehr, sehr schwierig für einen bedeutenden Menschen, ein guter Mensch zu werden. Viele Personen von Weltrang haben Bedeutung, aber überhaupt keine Güte. Präsidenten, Premierminister und andere Führer sind bedeutende Leute. Sie rufen „Steht auf!“, und das ganze Land muss aufstehen. Sie gehen irgendwo hin und tausende von Menschen drängen herbei um sie zu sehen und erheben sich vor Ehrfurcht. Doch wenn ein Heiliger oder ein Sadhu oder ein spiritueller Meister irgendwo unter einem Baum sitzt, steht dann irgendjemand auf? Die Leute gehen einfach vorbei und ignorieren ihn. Die ganze Welt hat sich in eine falsche Richtung bewegt: sie schenkt der Bedeutung jetzt mehr Aufmerksamkeit und misst ihr höheren Wert bei als der Güte. Bedeutung wird sofort gewürdigt. Doch wenn sich jemand bemüht, ein guter Mensch zu werden, wenn er zu Gott betet und versucht, Neid, Unsicherheit und Unreinheit zu besiegen, so interessiert das niemanden.

Julius Cäsar und Napoleon waren bedeutend: sie wollten die ganze Welt erobern. Doch sie haben die Welt nicht erobert, und alles, was sie auf der äußeren Ebene erreicht haben, ist verschwunden. Jesus Christus, Sri Krishna, Buddha, Sri Aurobindo und Sri Ramakrishna waren gut. Sie wollten nichts erobern, sie wollten nur lieben. Doch ihre Güte und ihr Licht haben sich langsam und stetig in allen Teilen der Welt verbreitet und werden die Ewigkeit überdauern. Wenn sich Licht ausbreitet, gelangt es überall hin. Doch wenn sich Macht auszubreiten versucht, hat sie keinen Erfolg. Der Macht-Vogel sieht sehr groß und sehr stark aus, doch er fliegt nicht. Der Vogel des Lichts fliegt überall hin.

Der Macht-Aspekt hat ein äußerst ernstes Problem: in ihm ist Dunkelheit. Macht will sich immer zur Schau stellen: „Mein Arm ist 60 Zentimeter lang und deiner nur 25 Zentimeter.“ Das zur Schau stellen ihrer Überlegenheit und die Zerstörung sind die ureigenste Natur der Macht. Sie verkörpert das Gefühl von Zerstörung und Befehlsgewalt. Sie ist wie ein Oberbefehlshaber. Doch die ureigenste Natur des Lichts ist es, zu erleuchten. Das heißt nicht, dass im Licht keine Kraft wäre. Im Licht wohnt göttliche Kraft, welche die allerstärkste Kraft ist. Das Licht, das sich überall auszubreiten vermag, ist die stärkste Kraft. Die Macht, die dem Licht innewohnt, ist die Macht der Liebe. Es ist ihre Gewohnheit zu teilen, mit ihren Brüdern und Schwestern, mit ihren Lieben und der ganzen Welt. Die ganze Welt ist ihr Freund. Doch wir schenken dieser göttlichen Macht keine Aufmerksamkeit.

Manche Leute haben zu Beginn ihres spirituellen Lebens das Gefühl, sie zögen sich in eine Höhle im Himalaya zurück und müssten ihre Musik und andere irdische Aktivitäten aufgeben. Aber das ist nicht der Fall. Wir müssen uns jedoch im Klaren darüber sein, dass es so etwas wie Evolution gibt. In der Musikwelt gibt es sowohl vitale Musik, die reine Erregung ist, als auch spirituelle Musik, die uns erhebt. Manche Leute befriedigt es, vitale Musik zu komponieren und zu spielen: Rock n’ Roll, Jazz und so weiter. Nur sie wissen, welche Art von Befriedigung ihnen das gibt! Doch was passiert, wenn sie diese Art von Musik ein paar Jahre lang gespielt haben? Es ergreift sie eine solche vitale Niedergeschlagenheit! Warum? Weil sie von einem anderen Musiker hören, der mehr Anerkennung, mehr Ruhm und Ehre erntet. Sie lesen in der Zeitung, dass irgendwo anders in der Welt 20.000 Menschen gekommen sind um einen Musiker zu hören, wohingegen zu ihnen nur 4.000 Zuhörer kamen. Und das ist noch nicht alles. Vielleicht wurde jener andere Musiker auch noch fünf Minuten lang mit stehenden Ovationen gefeiert. Also sagen sie: „Oh Gott, ich hatte nur so wenig Zuhörer und er so viele, und darüberhinaus hat man ihn so bewundert und vergöttert!“ Dann beginnt ihnen ihre vitale Niedergeschlagenheit den Verstand zu rauben.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Leute, die die Spiritualität von der Musik, der Kunst, der Dichtung oder irgendeinem anderen Lebensbereich trennen, begehen einen Fehler. Nach ein paar Jahren mögen sie vielleicht äußern: „Oh, wären wir nur bei der Musik geblieben, dann hätten wir mehr Erfolg gehabt.“ Nein. Vielleicht hätten sie ein paar Jahre lang mehr Erfolg gehabt. Doch dann wäre es mit dem Wettbewerb losgegangen und sie hätten von einem anderen Musiker gehört, der mehr Anerkennung, Ruhm und Ehre geerntet hat. Du magst sagen: „Hätte ich kein spirituelles Leben begonnen, dann wäre ich so berühmt geworden wie der und der.“ Doch warte nur ein paar Jahre. Dann wirst du davon hören, dass jener Zeitgenosse, der so berühmt geworden ist, jemand anderes entdeckt hat, der noch berühmter ist. Dann geht es mit der Niedergeschlagenheit los und er betritt die niedere vitale Welt oder die Drogenwelt. Dann ist die Geschichte zuende. Doch der Musiker, der dem spirituellen Leben treu bleibt, wächst wie ein Lotus – Stück für Stück blüht er auf so wunderschöne Weise auf. Dann setzt er sich zu Gottes Füßen und Gott ist so zufrieden, zu Seinen Füßen einen solch schönen Lotus empfangen zu haben. Wenn wir dem Pfad der Bedeutung folgen, entdecken wir eines Tages jemanden, der noch bedeutender ist, und dann wird uns unser Wunsch nach Bedeutung unser eigenes Grab schaufeln. Doch wenn wir uns Gott schenken und versuchen, gute Menschen zu werden, dann erblüht Gott in uns und durch uns auf so wunderschöne Weise, Blütenblatt für Blütenblatt, wie ein wunderschöner Lotus.

- srichinmoyart.com

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